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Der menschliche Körper als Gestaltungsaufgabe

Tim Brauns, ausgebildeter Orthopädietechniker, machte Prothesen und Orthesen zum Thema seines Industriedesign-Diploms.

Zeitraum
1995–1996
Lesezeit
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Bevor Tim Brauns Industriedesign studierte, hatte er eine Ausbildung zum Orthopädietechniker absolviert. Das unterschied seinen Zugang von dem eines Gestalters, dessen Ausbildung ganz mit Zeichnen, Modellbau oder visueller Komposition begann.

Orthopädietechnik beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen einem gefertigten Gerät und dem lebenden Körper. Sie verlangt Aufmerksamkeit für Bewegung, Balance, Anatomie, Komfort, mechanische Leistung und die individuellen Bedürfnisse eines Nutzers. Eine Prothese muss wechselnden Belastungen standhalten und Bewegung auf unterschiedlichem Untergrund erlauben. Sie muss für einen Menschen funktionieren, dessen Körper und Alltag sich nicht auf eine allgemeine Spezifikation reduzieren lassen.

Ein Diplom, das zum früheren Beruf zurückkehrte

Im Lehrarchiv von Hans (Nick) Roericht ist eine wichtige Primärquelle erhalten. Sie nennt Brauns’ Diplomprojekt von 1995: Pro- und Orthesen. Ein zugehöriger Kommentar von 1996 beschreibt das Projekt als Brücke zwischen Brauns’ früherer Erfahrung als Prothesenbauer und seiner anschließenden Ausbildung im Industriedesign.

Bemerkenswert war die Beteiligung eines tatsächlichen Prothesenträgers. Der Nutzer wurde nicht als abstrakter, durch Maße beschriebener Körper behandelt. Der Entwurfsprozess bezog die Erfahrung eines Menschen ein, der das Gerät aus dem täglichen Gebrauch kennt. Der Archivkommentar würdigt ausdrücklich die soziale Sensibilität des Projekts und die Klarheit des gestalterischen Ansatzes.

Damit gibt es für die Prothesenarbeit eine festere Grundlage als die späteren Rückblicke allein. Medizinische und rehabilitative Gestaltung kamen nicht nachträglich zu e27 hinzu. Sie gehörten zur beruflichen Prägung eines der Gründer.

Von der Prothese zum Rollmechanismus

Aus diesem Umfeld ging die experimentelle Rollthese hervor, später eines der bekanntesten frühen Projekte des Studios. Sie stellte eine verbreitete Konvention in Frage: dass der menschliche Fuß die selbstverständliche Form einer Beinprothese sei. Das Projekt erkundete, ob ein Rollmechanismus einen anderen Zugang zur Bewegung bieten kann. In den Berichten erscheint sie als Experiment mit mechanischen Prinzipien, nicht als Versuch, das fehlende Glied nachzubilden.

Die Rollthese wurde später mit einer Auszeichnung von Audi in Verbindung gebracht. Die genaue Wettbewerbskategorie und das Datum müssen anhand der Originalunterlagen noch bestätigt werden. Mehr dazu im eigenen Beitrag zur Rollthese.

Eine Methode, die blieb

Das Prinzip, eine Funktion zu beobachten und andere Mechanismen zu untersuchen, die sie erfüllen können, taucht in Brauns’ späterer Arbeit wieder auf: in Möbeln, die die Bewegung eines üblichen Stuhls verändern, in Leuchten, die Lichtquelle und Verstellmechanik trennen, und in der Sammlung alltäglicher Funktionsgegenstände, die er 2010 im Museum der Dinge zeigte. Die Kontinuität ist methodisch, nicht stilistisch. Jede dieser Arbeiten kann mit denselben Fragen beginnen. Was soll der Gegenstand tun? Welcher vorhandene Mechanismus könnte das anders leisten? Und was geschieht, wenn dieser Mechanismus in einen neuen Zusammenhang versetzt wird?

Quellen