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Eine Stadt, die durch die Zeit reisen konnte

Fax Quintus und die virtuelle Rekonstruktion des historischen Friedrichswerder: ein Forschungsbeitrag von 1998, kein reines e27-Projekt.

Zeitraum
1996–1998
Lesezeit
2 Min. Lesezeit

Im April 1998 versammelte eine internationale Konferenz zu Museen und dem aufkommenden Internet Forschende, die untersuchten, wie digitale Technik Kulturinstitutionen verändern könnte. Unter den Teilnehmern war Christian „Fax“ Quintus, Industriedesigner, der mit dem Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin arbeitete. Quintus gehörte zu den Menschen hinter e27.

Das Thema war virtuelle Realität: die Möglichkeit, die Geschichte einer Stadt zu erleben, indem man sich durch eine dreidimensionale Rekonstruktion ihrer Vergangenheit bewegt.

Berlin als historische Oberfläche

Der Beitrag trug den Titel Time Travels in Virtual Online Landscapes und wurde gemeinsam mit Askan Striepe und Mitwirkenden mehrerer Institutionen vorgestellt. Schauplatz war der Friedrichswerder, ein historisches Viertel in der Berliner Mitte, das mit dem Architekten Karl Friedrich Schinkel verbunden ist.

Die Forschenden bauten digitale Darstellungen des Viertels in drei historischen Zuständen: 1850, 1928 und 1993. Der Ort bot architektonische Bedeutung, Dokumentationsmaterial und vorhandene digitale Gebäudemodelle. Er spiegelte außerdem die wechselvolle Geschichte Berlins, in der Bau, Zerstörung und Wiederaufbau das Stadtbild mehrfach verändert hatten.

Statt die Informationen als gewöhnliche Datenbank zu ordnen, schlugen die Forschenden eine virtuelle Umgebung vor, durch die Besucher navigieren. Wer die Rekonstruktion betrat, konnte sich durch ein historisches Straßenbild bewegen und auf Material aus Museumssammlungen, Bibliotheken und Archiven stoßen. Die Stadt selbst wurde zur Oberfläche ihrer Geschichte.

Was ein digitales Museum werden könnte

1998 waren solche Formen noch experimentell. Das öffentliche Internet war jung, Virtual-Reality-Technik aufwendig, und Museen begannen erst zu prüfen, wie digitale Netze die Präsentation ihrer Sammlungen verändern könnten. Sollte der Online-Auftritt eines Museums die Struktur seiner Säle abbilden? Könnten Besucher Sammlungen ohne feste Route erkunden? Verstehen wir historische Objekte anders, wenn sie in rekonstruierter Architektur stehen?

Das Friedrichswerder-Projekt behandelte diese Fragen als technische und als gestalterische Probleme. Neben Software, Architekturinformation und digitalen Modellen brauchte es Entscheidungen zu Navigation, Erzählweise, Informationshierarchie und Besuchererfahrung.

Die Frage nach dem Anfang von e27

Quintus’ offizielle Biografie für die Konferenz von 1998 nennt noch ein Detail: Er habe 1996 ein Designbüro mit dem Namen E27 umweltgestaltung gegründet. Das weicht von der späteren Darstellung der Gründer ab, e27 sei 1993 entstanden. Der Widerspruch ist nicht zwingend einer. Die Daten könnten sich auf verschiedene Stufen beziehen, etwa den Beginn gemeinsamer Arbeit, ein Studio, ein Einzelbüro oder eine spätere Organisationsform. Die vorhandenen Dokumente erlauben keine Klärung, deshalb sollten beide Angaben nebeneinander stehen bleiben.

Einordnung

Der Beitrag ist eine gemeinschaftliche Forschungsveröffentlichung. Seine Arbeit darf nicht allein e27 zugeschrieben werden. Er zeigt aber, dass ein Mitglied des Gründerkreises in den 1990er Jahren bereits an der Schnittstelle von Gestaltung, Kulturerbe, Software und Architektur arbeitete, und das mit Berlin selbst im Zentrum des Experiments.

Offene Fragen

  • Welche Stufe von e27 bezeichnet das Jahr 1996 gegenüber 1993?
  • Die Abbildungen aus dem Originalbeitrag (etwa Friedrichswerder 1850) sind historisch relevant, ihre Wiederveröffentlichungsrechte müssen aber geprüft werden.

Quellen